Zu sehr lieben, geht das überhaupt?

(Von Andrea Riemer)

Jede/r, der so richtig verliebt war, kennt das Gefühl, ohne die/den anderen nicht mehr sein zu können. Alles fokussiert sich auf die Eine/den Einen. Ganz anders und doch nicht so unähnlich, ergeht es immer wieder Eltern, wenn Kinder das Haus verlassen und sich ihr eigenes Leben aufbauen. Wenn ein Partner stirbt, dann fühlt man in dem Verlust auch sehr oft eine unendliche Liebe. Und wenn die Eltern gehen, dann weicht die oft strapazierte Liebe einem tiefen Loch, einem Alleinsein – erst durch die Abwesenheit fühlt man, wie sehr man, trotz aller Reibereien, man die Mutter und den Vater als Kind liebte.

Ich mische hier ganz bewusst die Beispiele, um die Vielfalt von Liebe an sich und von überbordender Liebe begreiflich zu machen.

Doch – ist das tatsächlich Liebe? Kann man, wenn man die kleinen, für viele vertrauten Beispiele verinnerlicht, tatsächlich von Liebe sprechen? Ich meine, dass offene, ehrliche Liebe im eigentlichen, im tiefsten Sinn nie zu viel sein kann. Was jedoch zu viel sein kann, sind Zerrformen von Gefühlen, über die elegant das Etikett ‚Liebe‘ geschoben werden. Auf diese Zerrformen will ich einen Blick tun, auch um zu zeigen – es kann nie ein zu viel an wahrhaftiger, ehrlicher, tiefer Liebe geben.

Um zu erkennen, was Liebe im tiefsten Wesen bedeuten kann, ist ein Blick auf Grundmotivationen im Leben und auf die Zerrformen von Liebe hilfreich.

Wo fangen wir an? Die Grundmotivation im Leben

Wenige fragen sich nach ihrer Grundmotivation, mit der sie ihr Leben betraten. Wie auch? Sie wurde ja unbewusst angenommen. Diese Grundmotivation ist entscheidend, wie sich das eigene Leben entfaltet und welchen Zugang man zu Liebe hat. Sie ist – neben der Angst – eine dieser beiden Grundmotivationen. Liebe zeigt sich als Offenheit, Freude, Neugierde, Geborgenheit, innere Sicherheit, Großzügigkeit, als Vertrauen in das Gute und Schöne etc. Die andere Seite – Angst – zeigt sich in einer kindlich verbliebenen Bedürftigkeit, in einer Kontrollsucht, im Opferdasein, im überzogenen Sicherheitsstreben, in Neid, Eifersucht etc.

Aus der von uns gewählten Grundmotivation, die sich übrigens jederzeit verändern lässt, ergibt sich unser Selbstwert, das Gefühl, wie man sich selbst und die Umwelt in der Inbeziehungssetzung wahrnimmt. Das Selbstvertrauen bedeutet die Selbstwirksamkeit, die oft mit dem persönlichen Erfolg verbunden ist. Selbstbewusstsein hingegen bezieht sich auf die Bewusstheit über sich selbst. Alle drei Komponenten sind mit Liebe eng verwoben, insb. mit der Selbstliebe – die Basis für alles weitere. Hier zeigt sich deutlich, wie wir uns mit sogenannter Liebe in Abhängigkeiten begeben und sie verzerren. Wir versuchen eventuell vorhandene Defizite über das Außen auszugleichen. Das kann kurzfristig klappen. Langfristig klappt es jedoch nie.

Wer die fehlende innere Liebe zu sich selbst über das Außen versucht, auszugleichen, kann kurzfristig das Loch füllen, doch niemals langfristig.

Die Liebe der Eltern zum Kind – nur nicht loslassen

Ich erinnere mich noch sehr gut, als der jüngere meiner beiden Söhne auszog. Beim Älteren ging das alles sehr geräuschlos, natürlich, nach dem Abitur vor sich. Der Jüngere hingegen ging von einem Tag auf den anderen. Als er mich mit seinem Entschluss – von Wunsch war keine Rede – konfrontierte, dass er per sofort bei seinem Vater leben wollte, war ich geschockt, verletzt und traurig. Was hatte ich falsch gemacht?

Eine liebe Freundin stellte mir eine Frage, nachdem ich ihr meine Lage kurz schilderte: „Wolltest Du die Presswehen bei seiner Geburt auch festhalten?“ In diesem Moment ging mir das berühmte innere Licht auf. Jedes Mal, wenn mich ein leiser Schmerz über seinen unvermuteten Weggang überkam, stellte ich mir innerlich die Frage „willst du die Presswehe festhalten?“ – und binnen Augenblicken war der leise Schmerz gewichen.

Als Frau hat man es etwas „leichter“ als der Mann. Wie ist das beim Mann/Vater? Nun ich schreibe als Frau und kann daher nur andeuten. Der Vater darf sich endlich als Mann kennenlernen und sein Mannsein leben. Das geht vielen in der Vaterschaft verloren. Oft ist es erst die Entdeckung des Mannseins, die dann beginnt, wenn die Kinder das Haus verlassen. Spät, aber doch, nicht immer angenehm, oft verwirrend und doch erfüllend.

Kinder gehen zu lassen, ist einer der ganz großen Herausforderungen im Leben. Die Liebe erhält eine neue Qualität, an die frau/man sich erst gewöhnen darf. Die Zeit sich dafür zu nehmen und sich selbst als Frau/Mann zu entdecken und zu leben, ist eine von mehreren Möglichkeiten, auch die Liebe neu zu entdecken.

Die Liebe des Kindes zu den Eltern – im Kokon bleiben und sich nicht dem Leben stellen

Sie kennen die Peter Pans und die Prinzessinnen – frei von Verantwortung für das eigene Sein. Diese Form der ‚un-erwachsenen‘ Liebe ist von Anhänglichkeit und Bequemlichkeit geprägt. Sie behindert an dem, wofür der Mensch hier auf diese Welt kam – um sich auszuweiten und zu wachsen. Das ist gelegentlich umständlich, tut weh und braucht auch den einen und anderen scheinbaren Umweg. Der Wurf aus dem Nest kann gelegentlich auch ein Ausdruck von Liebe sein, weil er in die Eigenständigkeit hineinwirft. Dann kann auch die echte Liebe kommen, zu sich selbst und – vielleicht zu einer Partnerin/einem Partner. Kann sein, muss nicht sein.

Zu erkennen, wann die kindliche Liebe zu Eltern zu Ende ist und das Erwachsensein beginnt, ist oftmals für alle Beteiligten herausfordernd. Erfahrungen dazu sind ein wesentlicher Teil der Liebe.

Die abhängig machende Liebe zwischen Partnern

Hat man also all die Schritte ins Erwachsenwerden geschafft und ist bereit für eine Partnerschaft, dann zeigt sich oft eine große Herausforderung. Altes, oft aus der Kindheit Mitgebrachtes verhindert, dass der Umschaltprozess nicht ausreichend oder gar nicht stattfinden. Liebe wird dann zur Suche nach etwas oft Undefinierten. Das ist keine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ich schreibe dies so klar, weil gerade jetzt diese Defizite, die oft in Süchten müden, sich so überdeutlich zeigen. Ich will ermutigen, auf die eigenen Defizite hinzublicken, mit den Augen der Liebe und sie zu wandeln. Dann – und nur dann – wird es möglich sein, eine Liebe, die der Qualität der neuen Zeit standhält, zu erfahren, daran zu wachsen und sie auf Himmel komm raus zu leben.

Die Ausstieg aus Abhängigkeiten in Liebesbeziehungen ist nur durch Bewusstsein für die eigenen Defizite möglich. Jetzt ist dafür ein besonders günstiger Zeitraum. Dann ist wahre Liebe möglich – und – sie ist möglich!

… und dann gibt es kein zu viel an ehrlicher, tiefer, wahrhaftiger Liebe.

Andrea Riemer, Buchautorin von „Botschaften vom Leben“

2 Kommentare

  1. Sehr guter, ausgewogener (einfühlsamer und allgemein [er]klärender) Text! Hat mir geholfen. 🙂

    Allerdings bin ich bei folgend zitiertem Satz (s.u.) der Meinung, dass es gut wäre, darauf hinzuweisen, dass diese „Verspätung“ zwar in unserer Gesellschaft heutzutage noch normal, aber nicht natürlich – i.S.v. gesund/gut entwickelt – ist. Optimalerweise sollte man ERST zum Mann (Erwachsenen) werden und DANN Kinder bekommen, so gibt man seinen Kindern nicht die eigenen unerlösten psychosozialen „Themen“ mit (oder zumindest: in einem erträglichen Ausmaße bloß).
    „Der Vater darf sich endlich als Mann Kennenlernen und sein Mannsein leben. […] Spät, aber doch, […]“.

  2. Sehr interessant! Aber ist die Liebe überhaupt ein Gefühl? Mich hat das Büchlein zu dem Thema von Colin Bear nachdenklich gemacht – finde mittlerweile auch, dass es eher eine Interaktion ist … was meinen Sie, Frau Riemer?

    LG Henriette

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