Wie kann ich einfach nur ICH SELBST sein?

INTERVIEW MIT DER BUCHAUTORIN ANDREA RIEMER

HDL: Liebe Andrea, welchen Satz hörst Du in Deinem beruflichen Alltag am häufigsten?

Andrea: Ich will einfach nur ICH SELBST sein … Diesen Satz höre ich seit vielen Jahren immer wieder in meinen Einzelberatungsgesprächen, Workshops und auch nach meinen künstlerischen Auftritten. Wenn ich nachfrage – „Was meinen Sie denn mit ‚ich selbst‘ sein?“ … dann bekomme ich oft sehr interessante Antworten wie „na das ist doch klar – ich selbst“ oder „ja – wenn ich das wüsste, dann würde ich es ja schon leben“. Wenn es so klar wäre … warum … ‚Erkenne Dich selbst‘ ist wohl eine der aufregendsten Aufforderungen, die das Leben an uns hat. Nun werden Sie sich fragen – was hat das mit den Helden der Liebe zu tun? Sich selbst zu erkennen und dann auch noch sich selbst zu sein, ist wohl der höchste Ausdruck von Selbstliebe. Sie merken – wir sind schon mitten im Thema.

Sich selbst zu erkennen und dann auch noch sich selbst zu sein, ist wohl der höchste Ausdruck von Selbstliebe.

HDL: Was heißt eigentlich Selbsterkenntnis und ist der Weg zur Selbsterkenntnis ein steiniger?

Andrea: Erkenne Dich selbst stand über dem Orakel von Delphi. Doch – was heißt ‚erkennen’? Wer ist ‚dich‘? Und zu guter Letzt – wer ist ‚selbst‘? Dies sind drei ganz wesentliche Fragen, um überhaupt zur Selbstliebe zu gelangen, seine Einzigartigkeit zu erkennen und auch auf Himmel komm raus zu leben. … sehr anspruchsvoll, doch durchaus machbar.

Es handelt sich also weder um philosophische Haarspalterei, noch um akademische Selbstbefriedigung, sich mit diesen Fragen zu befassen. Das ist nichts Oberflächliches. Wenn Sie Antworten von mir erwarten, dann muss ich Sie enttäuschen. Die finden Sie nur in sich – in den mächtigen Tiefen Ihres Seins. Von mir erhalten Sie bestenfalls Anregungen, Impulse, Möglichkeiten, wie dieses und jenes gesehen werden kann. Sie merken schon – es ist viel Raum. Und das ist gut so.

Was ich schreiben kann und auch will: der Weg durch die Höhen und Tiefen des ‚Erkenne Dich selbst‘ ist einer der aufregendsten, spannendsten, abenteuerlichsten Pfade. Nichts ist sicher, alles ist möglich. Eigenverantwortung, Ehrlichkeit, Mut und Vertrauen werden mit der Möglichkeit belohnt, die eigene Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu erkennen und auch zu leben. Was für ein Lohn?!

Selbsterkenntnis führt in die eigene Wahrhaftigkeit. Sie ist die beste Voraussetzung für Selbstliebe.

HDL: Welche Herausforderungen siehst Du auf dem Weg zu „sich selbst“?

Andrea: Nach einer Phase, wo Vielfalt und schier unbegrenzte Möglichkeiten das Credo schlechthin waren, sind wir mitten im Übergang in einen Abschnitt der Konsolidierung, des sich Rückbeziehens, des Verlangsamens, des erzwungenen Innehaltens. Ein bisschen vor – und dann doch wieder zurück. Es werden die Reste des Alten noch aussortiert, nochmals in die Hand genommen, angesehen, gewogen und entweder für zu leicht oder für schwer genug befunden, um sie wegzulegen oder mitzunehmen. Vielfalt ja – doch nicht mehr um der Vielfalt willen. Anders sein ja – doch nicht um des Anderssein willen. Es braucht Substanz, um bestehen zu können. Der Staub setzt sich und es wird sichtbar, was geht und was nicht mehr geht. Dieser Übergang beeinflusst die Selbsterkenntnis und die Selbstliebe maßgeblich.

Wie geht es in diesem Informationsfeld Menschen, die wahrhaftig leben wollen, Menschen, die ihre Einzigartigkeit erkannten und bereit sind, sie zu leben? Wie ist in diesem Kontext Selbstliebe überhaupt möglich – oder aber ist sie die Grundbedingung zum Leben, jenseits der zahlreichen esoterischen Hinweise? Ein forderndes Unterfangen …

Wahrhaftigkeit in einer Übergangszeit zu leben, ist eine besondere Herausforderung.

HDL: Was ist so besonders an der Einzigartigkeit?

Andrea: In meiner Erfahrung ist Einzigartigkeit nichts besonders. Jede/r ist in ihrer bzw. seiner Weise einzigartig. Jedoch erkennen dies die wenigsten – und noch weniger haben den Mut und das Vertrauen, diese Erkenntnis zu leben. Die Einzigartigkeit bezieht sich auf die innere Haltung, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und auszudeuten, die vielen verhüllt bleiben. Muss man dazu besondere Talente haben? Nein – ich meine das Grundpotenzial ist jeder/jedem gegeben.

Ich habe mich lange mit dem Thema des Andersseins und der Einzigartigkeit im Lebensalltag auseinander gesetzt, weil es mir auf Schritt und Tritt begegnete. Es hat mich verstört, solange ich die Norm als Maßstab meines Seins nahm. Daraus konnte nur Ablehnung entspringen – auf allen Ebenen meines Seins. Da gab es viel Neid, viel Anfeindung. Wenig wirklich Erbauliches und mich auf meinem Weg Weiterbringendes. Von Selbstliebe war keine Rede. Zudem: So lange ich die Einzigartigkeit und mein Anderssein ablehnte, lehnte ich mich selbst ab. So lange ich darüber hinweg blickte, war ich unendlich weit weg von mir. So lange ich mich anpasste, hatte ich Schmerzen aller Art, war krank an Körper und Seele – der Geist hat sich immer gewehrt, bewusst und unbewusst. So lange ich mein Anderssein verleugnete, verleugnete ich jegliches Strahlen in mir – meine Seele und alles, was mich ausmacht, inbegriffen. Und alles bekam ich von Außen natürlich ungeschminkt wiedergespiegelt.

Einzigartigkeit und Wahrhaftigkeit sind nichts Besonderes. Sie sind selbstverständlich im Leben des Menschen. Beides muss man erkennen und aus der Herzenstiefe heraus leben – gleich was von Außen kommt.

HDL: Wie stark ist der Gegenwind am Weg zur Selbsterkenntnis, zur Selbstliebe und zur Einzigartigkeit?

Andrea: In dem Moment – und es war ein langer Moment – in dem ich begriff, dass es ein Anderssein nicht gab, sondern nur die Einzigartigkeit, jenseits jeglicher Norm, die menschengeschaffen ist, oft unbewusst ist und eine kollektive Hypnose –‚nur-so-und-nicht-anders-kann-es-gehen‘ – auslöst, in dem Moment war die Türe für Einzigartigkeit geöffnet. Doch Vorsicht … jetzt wird es so richtig interessant.

Einzigartigkeit ist immer mit dem eigenen Wesenskern verbunden. Diesen zu ent-decken, ist ein langer Prozess, oft schmerzhaft, oft voll von Dunkel und tiefster Nacht ohne Begleitung, oft von Rückschritten und Seitenschritten gekennzeichnet, oft von Ausgrenzung, Ablehnung und Verleugnung begleitet. Hinzu kommen Umwege, Intrigen und Neid aller Art, denn das Andere ist oft unbequem und stellt das Kollektiv in Frage. Es erschüttert das Selbstverständnis und das Bisherige in seinen Grundfesten. Es zwingt aus der Komfortzone hinaus und geht auf den Bruch mit dem bisher so Kommod-Bequemen zu und gibt dabei nicht auf. … Und was geschieht dann? – … Es tritt Widerstand gegen das Andere und das Einzigartige ein. Es ist erstaunlich, wie rasch und kreativ Widerstand dann möglich ist, wenn sich das Kollektiv bedroht fühlt, in seiner angestammten Bequemlichkeit, seiner überheblichen Deutungshoheit, seiner scheinbaren Reinheit. Ich schreibe – fühlt, denn faktisch ist es oft das Gegenteil von Bedrohung. Die Selbstliebe ist dabei völlig verdrängt. Von Liebe natürlich gar keine Spur.

Das Kollektiv hat mehrheitlich kein Interesse am eigenen Erkennen, an der eigenen Standortbestimmung, im Gegenteil. Das Andere ist Einzigartigkeit im Impuls, in der Inspiration, der Kreativität, der Reinheit; der Narr, der reine Tor, die Kindlichkeit, das Risiko, Triumph und Niederlage – scheinbar – alles zugleich. Im Anderen liegt der eigentliche Fortschritt, sei er faktisch oder sei er emotional-seelisch; es ist der Ausdruck des Einzigartigen. Niemals findet der nächste Schritt im Sein im Normalen, im in der Norm liegenden statt.

Wenn Leben Ausdruck von Energie ist, dann ist das Andere die eigentliche Regel und die Norm die Ausnahme. Wenn wir Ausdruck der Schöpferkraft sind, dann ist das Andere der Fußabdruck des Seins, weil er die Einzigartigkeit darstellt.

Selbsterkenntnis und Selbstliebe, gepaart mit dem Leben der Wahrhaftigkeit und Einzigartigkeit ermöglichen uns eine Neudefinition von ‚Ich‘. Dann erst ist ein neues ‚Wir‘ möglich. Dann ist erst die vielzitierte Liebe der Neuen Zeit möglich.

 

HDL: Hast Du 3 konkrete Tipps zum Schluss?

Andrea:

  1. Sei ehrlich zu Dir selbst – am Weg zu Dir Schatten sind dabei oft die größte Kraftquelle.
  2. Das Außen kann eine Orientierung bieten, doch ist das Außen nicht der eigene Wesenskern. Dann kann es himmelhohe Unterschiede geben. Bleibe bei Dir, wenn es sich für DICH stimmig anfühlt.
  3. Sich selbst zu erkennen, zu leben und zu lieben ist eine der aufregendsten und anregendsten Aufgaben. Du bist das Leben selbst. Sei mutig und vertrauensvoll. Das hilft ungemein.

Andrea Riemer, www.andrea-riemer.de, Buchautorin von „Botschaften vom Leben“

 

6 Kommentare

  1. Ich denke mir: Jeder ist einzigartig, ja. Und GLEICHZEITIG sind wir alle miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Wir sind voneinander getrennt, ja. UND GLEICHZEITIG sind wir alle miteinander verbunden. Wir Menschen haben aufgrund unseres Menschseins alle die gleichen Grundbedürfnisse. Im Grunde drücken wir uns nur auf unterschiedliche Weise aus.

    Ich träume davon, dass es immer wieder möglich ist, in Verbindung miteinander zu treten: Indem wir mitfühlend einander zuhören. Das Leid des Getrenntseins überwinden können. Den eigenen Glanz in den Augen des anderen erkennen können.

  2. “ Sei ehrlich zu Dir selbst – am Weg zu Dir Schatten sind dabei oft die größte Kraftquelle.“

    WIE mache ich das?

    „Bleibe bei Dir, wenn es sich für DICH stimmig anfühlt.“

    Wie mache ich das konkret? Kannst Du da ein Beispiel geben?

  3. Aus Sicht der Gestalttherapie gibt es kein unveränderliches Selbst.

    Wie Buber es sinngemäß ausdrückt: „Das ICH entsteht am DU.“

    „Absurd ist also der Ratschlag ‚Sei du selbst‘ […]; was damit gemeint ist, hieße: ‚Nimm Kontakt auf zur Gegenwart‘, denn das Selbst ist nur dieser Kontakt.“ (Perls et al 1979, 167)

    Menschen können nur in Beziehung zu anderen Menschen ihr jeweiliges Selbst entwickeln. Die schöpferisch verarbeiteten und angeeigneten Spuren dieser Beziehungen („Repräsentanzen“) bilden dann das jeweilige Selbst. Das Selbst ist also sowohl wandelbar als auch kontinuierlich. Staemmler (2015, 29) vergleicht es mit Wolkenformationen am Himmel: „sind nicht beständig; sie bleiben nicht wie sie einmal waren. Vielmehr verändern sie sich kontinuierlich, also erstens andauernd sowie zweitens in der Weise, dass eine Formation fließend aus der anderen hervorgeht.“

    Buddha lehrte, dass alles im Leben einer ständigen Veränderung ausgesetzt ist (Anicca), dass nichts dauerhaft und ohne Abhängigkeit voneinander existiert (‚Bedingtes Entstehen‘). Die Annahme eines festen, dauerhaften „Selbst“ oder „Ich“ ist nach buddhistischer Auffassung in letzter Konsequenz eine Illusion. Buddha widerspricht damit der hinduistischen Philosophie, die die Existenz von „Atman“, einem individuellen, wahren, ewigen und unzerstörbaren Wesenskern des Menschen annimmt.

    Du schreibst: „Einzigartigkeit ist immer mit dem eigenen Wesenskern verbunden.“ Ich frage mich: Was verstehst Du unter Wesenskern? Ist der „Wesenskern“ für Dich etwas unveränderliches?

    1. Hallo Michael,
      bin zwar mit deiner Frage nicht angesprochen, aber antworte mal kurz und knapp:
      Nach kabbalistischer Lehre (verwendet von Freimaurern, Templern, Rosenkreutzern, anderweitig eingeweihten Freichristen und – v.a. chassidischen – Juden …), die ich mir angeeignet habe und die mich (mittlerweile) hilfreich begleitet, gibt es ein ICH/EGO und ein SELBST. Letzteres wird zuweilen auch „höheres Selbst“ oder „Herz/Kern des beseelten Menschen“ genannt (um es für den Fall vom Ich abzugrenzen, wenn dieses gleichfalls synonym als „[niederes] Selbst“ bezeichnet würde).
      Das Ich wird dort so beschrieben, wie du es getan hast (und dafür teilw. den Begriff „Selbst“ verwendet hast). Das (höhere) Selbst aber ist „ewig“. „Ewigkeit“ ist eine unvorstellbar lange Zeit. Es ist wohl ratsam, dies einmal als Absolutes aufzufassen. Wenn Buddha lehrte, dass alles einer ständigen Veränderung ausgesetzt ist, und du ihm folgen möchtest, dann fasse das Selbst als diese von dir nicht fassbare Ständigkeit auf, um annähernd zu „verstehen“, was mit dem Selbst gemeint ist. 😉

      1. **Wenn Buddha lehrte, dass alles einer ständigen Veränderung ausgesetzt ist, und du ihm folgen möchtest, dann fasse das Selbst als diese von dir nicht fassbare Ständigkeit auf.**

        Toller Satz … danke!!
        mal wieder eine neue Facettenperspektive …

  4. „ERKENNE DICH SELBST“ war die erste Aufforderung über dem Eingang des Tempels zu Delphi.
    „NICHTS IM ÜBERMAß“ war der zweite Rat.

    Der Weg ist nicht immer leicht.
    Wenn man auf der Suche nach dem Ausgleich von Körper, Seele und Geist ist, werden oft Steine in den Weg gelegt. Aber man kann um diese Steine herum gehen. Oder hebt sie auf und ‚baut‘ sich was eigenes schönes daraus.

    Wenn man ‚kreativ anders‘ ist, fällt man oft aus der ‚uniformierten Algemeinheit‘. Das kostet Kraft. Aber diese Kraft bekommt man durch die Einheit von Körper, Seele und Geist zurück.
    Mit Mut zum ’sich selbst sein‘ findet man so viel in den äusseren und inneren Welten.

    LEBE DAS GEWÖHNLICHE LEBEN AUF UNGEWÖHNLICHE WEISE.

    UND: Das Selbst ist wie Wasser. Es will fliessen.
    Wenn man es nicht fliessen lässt, dann verbraucht sich der ‚Sauerstoff‘ und alles was im Fluss war wird ‚eingehen‘.

    „ERKENNE DICH SELBST“ ist der Rat den auch ich geben möchte.
    „RÜCKSCHRITT KANN AUCH EIN FORTSCHRITT SEIN.“ wäre mein zweiter.
    ..und wenn der Weg wieder nur ‚dunkel‘ ist?
    Ohne Dunkelheit gibt es kein Licht und Licht nicht ohne Dunkelheit.
    Ein einziger Funke Restlicht reicht um den persönlichen Urknall auszulösen!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.