Essstörungen – Eine Frage der Selbstliebe

(Von Michaela Schubert)

Liebe, Jeder strebt es, an geliebt zu werden. Von Geburt bis zum Tod spielt die Liebe bei jedem eine essenzielle Rolle. Liebe hat etwas mit Geborgenheit, Akzeptanz und Zufriedenheit zu tun. Liebe ist aber auch das Gefühl von flatternden Schmetterlingen im Bauch. Liebe ist etwas Wunderschönes, ohne Wenn und Aber, außer für essgestörte Personen.

Essstörungen, wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder die Essanfallstörung haben neben dem Suchtcharakter eins gemeinsam: Sie fressen sich so lange durch Leib und Seele bis die Betroffenen gefühlstaub sind. Keine Liebe, keine Aufmerksamkeit, keine Akzeptanz dringt zu ihnen nur hindurch. Nur ein, oftmals selbst zugeführter, körperlicher Schmerz dient irgendwann als Beweis, dass sie noch am Leben sind.

Das heißt aber nicht automatisch, das Essgestörte nicht geliebt werden wollen. Ganz im Gegenteil! Sie sehnen sich nach liebevoller Bestätigung und Anerkennung.

Essgestörte möchten in den Arm genommen, gelobt und geachtet werden – stoßen jedoch bewusst aggressiv alle Gesten dieser Art weg.

Aber warum? Um sich selbst zu lieben und die Anerkennung des Umfeldes bedingungslos annehmen zu können, muss jeder mit sich selbst im Reinen sein. Und genau das sind Essgestörte nicht.

Essgestörte Menschen lehnen vehement ihren Körper ab.

Der Bauch ist zu schwabbelig, die Beine zu kräftig, der Po zu fett etc. Sie sind der Ansicht, dass es nichts bzw. ganz wenig Liebenswertes an ihnen gibt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Nur ein attraktiver Körper ist der Liebe, in welcher Form auch immer, würdig. Der Leitgedanke: „Wenn du erst einmal dünn bist, dann wirst du geliebt!“, spornt jede Essstörung an. Magersüchtige verknappen extrem ihre Nahrungszufuhr. Ess-Brech-Süchtige sind so lange diszipliniert im Diätmodus, bis sie der Kontrollverlust zu einem Essanfall mit darauffolgenden Rückgängigmachen zwingt. Essanfallgestörte, auch Binge Eater genannt, stopfen sich regelmäßig mit hochkalorischen Lebensmittel voll, jedoch behalten sie das Zuviel bei sich. Es verdeutlicht, dass Essgestörte sich nicht lieben – vielmehr verachten und hassen sie sich.

Betroffene sind der Überzeugung, nicht genug wert zu sein, sich selbst oder von anderen geliebt zu werden.

Sie fühlen sich schwach, hässlich, zu dick, zu nichts nütze, überflüssig etc., um ein paar wenige Attribute zu nennen. Sie schaffen es nicht mal, so wie alle anderen, vernünftig essen zu können. Ihr exzessives Essverhalten ist eklig und für Außenstehende nicht nachvollziehbar.

Enorme Selbstzweifel und ein hohes Maß an Selbstkritik hält die psychische Abwärtsspirale am Laufen.

Sie sind sich selbst zu viel, auch wenn das Umfeld anderer Ansicht ist. Sie schämen sich für das, was und wie sie es tun. Sie schreien stumm um Hilfe, aus Angst nicht verstanden und noch mehr abgelehnt zu werden. Essgestörte Personen sind selbst ihr größter Feind.

Während Magersüchtige sichtbar immer dünner und stiller werden, fällt eine Bulimie, die im Alltag heimlich integriert werden kann, nicht zwingend auf. Essanfallsgestörte unterliegen dem Vorurteil, dass sie ständig nur am Essen sind. Fakt ist: Alle Betroffenen drücken mit Hilfe der Essstörung etwas aus, beispielsweise ihre Gefühle und Probleme. Ihnen fehlen die passenden Worte für sich und schon gleich gar für ihr Umfeld. Eine lösungsorientierte Alternative, um den mörderischen Kreislauf durchbrechen zu können, ist für sie anfangs unvorstellbar.

Obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschen, als bedingungslos geliebt zu werden, behindert ihre eigene unerbittliche Ablehnung das Ergreifen der liebevollen Hände, die ihnen gereicht werden.

Essgestörte projizieren ihr negatives Selbstwertgefühl auf andere und glauben dem Gegenüber kein Wort.

Jedes positive Wort, so ehrlich das gemeint sein mag, wird kritisch analysiert und meistens mit „Du sagst das nur aus Mitleid! Kein Bedarf, danke!“, hart abgeschmettert. Essgestörte sind fremdgesteuert. Sie wollen all das nicht, aber die Sucht lässt ihnen keine andere Wahl. Eine Essstörung ist ein Pakt mit dem Teufel.

Michaela Schubert, Autorin von „Essstörungen – Was ist das?

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