Essstörung in jeder Beziehung

(von Michaela Schubert)

Wie jeder weiß, trifft die Liebe erst das Herz und geht anschließend durch den Magen. Liebestrunken sitzen Pärchen oft an einem romantisch gedeckten Tisch. Ein paar Kerzen brennen und sanfte Musik spielt im Hintergrund, während die beiden ihre kulinarische Zweisamkeit genießen. Bis diese Gemütlichkeit ein jähes Ende findet.

Nicht nur die zwei Verliebten sitzen am Tisch, sondern auch die Essstörung. Ganz still und leise nahm sie neben einen von beiden Platz. Mit Argusaugen beobachtet sie, was und wie viel gegessen wird. Dann stellt sie lautlose Fragen, die nicht ignoriert werden können. Hämisch grinsend behauptet sie, dass das Essen in solch großen Mengen fett und noch hässlicher macht. Die Romantik ist für eine Person durch den Hass der Essstörung in viele kleine Fetzen zerrissen.

Pakt mit der Essstörung

Von außen sieht keiner die Verwüstung. Noch immer brennen die Kerzen. Jedoch hat sich etwas Entscheidendes verändert. Jeder darf Liebe empfangen, genießen und an einen anderen Menschen weiterverschenken. Wir alle haben das Recht zu lieben und geliebt zu werden. Doch was passiert, wenn man seine Essstörung mehr als sich und seinen Partner liebt, lieben muss?

Essgestörte Menschen sind sehr sensibel. Sie analysieren alles, was um sie herum passiert. Egal was gesagt wurde, sie fassen es grundsätzlich negativ auf. Essstörungen manipulieren die Gedanken. Das hat zur Folge, dass sich Betroffene stets dreckiger als der letzte Dreck fühlen. Sie sind es aus ihrer Sicht nicht wert, von anderenbedingungslos geliebt zu werden. Von keinem, nicht mal von sich selbst. Lediglich die Essstörung hat uneingeschränkten Zugang in die immer schwärzer werdende Gefühls- und Gedankenwelt.

Anfangs unbemerkt

Zu Beginn einer Beziehung lässt sich eine Essstörung sehr gut kaschieren und verheimlichen. Manche schaffen es sogar, sich für einen kurzen Zeitraum ihrer Essstörung zu entsagen. Liebe ist was Tolles und Liebe beflügelt nicht nur das Herz, sondern auch die Motivation, es endlich aus dem Teufelskreislauf zu schaffen. Die eigenen Gedanken denken anfangs nur an die Liebe. An das schöne Gefühl, Schmetterlinge anstatt Kalorien im Bauch zu haben.

Irgendwann legt sich die liebevolle Euphorie. Systematisch kehren Betroffene zur Essstörung zurück. Es geht schlicht und ergreifend nicht ohne sie. Die Gewissheit, der Partner kann die innere Leere nicht mit seiner Liebe füllen, wird immer klarer. Der Partner kann auch nicht die bedingungslose Liebe aufbringen, nach der sich Betroffene so sehr sehnen. Schon allein, weil sie sich selbst rigoros ablehnen.

Wer sich selbst nicht liebt, kann dieses zauberhafte Geschenk dauerhaft nur sehr schwer bis gar nicht annehmen. Viele können die Liebe von außen in keiner Weise ertragen. Mit messerscharfen Abwertung und gegenteiligen Bemerkungen schmettern sie jegliche Zärtlichkeit ab.

Liebe kämpft

Der Partner liebt in erster Linie den Menschen, der sich hinter einer Essstörung verbirgt. Hilflos steht die Liebe daneben und muss mit ansehen, wie der geliebte Mensch in die essgestörte Hölle gezogen wird. Für Essgestörte ist es schier unmöglich, die verhasste und gleichzeitigbegehrte Essstörung von jetzt auf gleich abzulegen, denn Essstörungen geben so viel mehr als nur Sicherheit. Wie ein Dämon, reißt die Essstörung Schritt für Schritt die Macht über den Menschen an sich.

Das Ende?

Es kommt unweigerlich zu Problemen, die die Beziehung auf eine harte Probe stellen. Immer mal wieder verschwinden Lebensmittel spurlos, der Partner geht nach dem Essen sofort aufs Klo, Sport wird zwanghaft betrieben und viele weitere essstörungsbedingte Verhaltensweisen können dauerhaft nicht unterdrückt werden. Auch belasten eine spürbare Gereiztheit, Unnahbarkeit und enorme Stimmungsturbulenzen die Zweisamkeit. Der ganze Tag dreht sich nur ums Essen, anstatt um die Liebe des Lebens.

Magersüchtige können nichts oder nur sehr wenig essen. In fremder Gesellschaft geht auch das nicht. Ess-Brech-Süchtige verhalten sich in der Öffentlichkeit höchst diszipliniert. Sie werden oft als sehr körperbewusst wahrgenommen, denn Bulimiker befinden sich größtenteils im Diätmodus. Erst im stillen Kämmerlein kommt die Wucht der Bulimie aus ihr heraus. Auch eine Essanfallstörung belastet aufgrund rauschartiger – meist heimliche – Essattacken sehr. Wie bei der Bulimie werden in kürzester Zeit Unmengen an hochkalorischen Lebensmitteln verschlungen. Im Gegensatz dazu werden Essanfälle im Anschluss nicht wieder rückgängig gemacht.

Diäten spielen beim essgestörten Partner stets eine große Rolle. Auch dann, wenn es gar keinen Grund zur Gewichtsreduktion gibt.

Hilfe wollen

Der Partner will helfen, will die Essstörung vertreiben, denn er will die Liebe nicht verlieren. Doch das ist sehr schwer. Ohne professionelle Hilfe, die die betroffene Personselbst wollen muss, wird das nichts. Außenstehenden sind oftmals die Hände gebunden, weil sie den Abstieg sehen, den die Betroffenen nicht wahrhaben wollen bzw. die Essstörung hindert sie aktiv daran, Essen wieder als das zu sehen, was es ist – ein Mittel zum Leben.

Auch wenn es sehr anstrengend sein kann, mit einer essgestörten Person zu leben, heißt das nicht automatisch, dass eine liebevolle Paarbeziehung unmöglich ist. Viele schaffen den Weg – gemeinsam mit ihrem Partner – aus der essgestörten Hölle heraus. Die Liebe zu einem Menschen kann so viel bewirken. Sie kann positive Steine zum Rollen bringen, die einen vom Abgrund vertreiben.

Meine früheren Partner waren mit mir und meiner heimlichen Essstörung liiert. Vor 6 Jahren stellten mich meine privaten Umstände vor die Wahl. Entweder ich lasse die neue große Liebe ohne Essstörung zu, oder ich verschwinde dauerhaft und allein in meiner essgestörten Welt. Auch wenn es anfangs ein harter Kampf gegen meine Essstörung war, bereue ich keine Sekunde, mich für die erste Wahl entschieden zu haben. Es ging nicht von jetzt auf gleich, aber ohne die Liebe meines Mannes, hätte ich die Liebe zu mir nicht wiedergefunden.

Michaela Schubert, www.happy-kalorie.de, Autorin von „Essstörungen – Was ist das?

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