Die Liebe – Urgrund unseres Seins?

(Von Andrea Riemer)

Als Buchautorin und Vortragende befasse ich mich auch seit vielen Jahren in meinen Arbeiten immer wieder mit dem Urgrund des menschlichen Seins, mit Liebe. Sie ist das mich am stärksten hereinfordernde Thema. Sie lässt mich nie los und ich betrachte sie jeden Tag neu … in ihrer Vielgestaltigkeit, in ihrer Unscheinbarkeit, in ihrer Größe – und in allen Zwischenschattierungen. Mehrere meiner Arbeiten widme ich Liebe – ohne auch nur im Ansatz zu einer verbindlichen Antwort zu kommen. In dem Moment, wo ich versuche, das Wesen von Liebe zu erfassen, komme ich innerlich ins Straucheln. Die Liebe gibt es meiner Ansicht nach nicht. Sie kann nicht besessen, nicht bezeichnet, nicht domestiziert, nicht kategorisiert werden. Sie ist vielfältig, vielschichtig und Liebe ist ein Kind der Freiheit und lässt sich mit Worten und Konzepten nicht fassen. Nein – Liebe IST schlicht.

Liebe ist ein Kind der Freiheit und lässt sich mit Worten und Konzepten nicht fassen.

Nun gut, was tun wir mit dieser Erkenntnis? Sind wir nun einen Schritt weiter oder stagnieren wir am Platz und fügen uns gottergeben in etwas ein, das ist und gleichzeitig doch nicht ist? Blicken wir staunend auf etwas, das wir ach so gerne hätten und oft nur für Momente in unserem gesamten Sein er-fühlen?

Ich gelte als offen und experimentierfreudig. Also will ich einen Versuch starten. Ich mache ist eine Annäherung, ein Herantasten an das Geheimnis, das Liebe seit jeher sehr gut gehütet hat. Wird sie sich zeigen? Werde ich sie wahrnehmen können oder wieder und wieder an ihr vorbeilaufen, weil ich konkrete Vorstellungen habe? Werde ich von ihr überrollt, überschwemmt werden? Ich bleibe jedenfalls neugierig. Bleiben Sie es auch.

Mir ist bewusst, dass ich den Weg nicht über die Wissenschaft, die Hirn- und die Herzforschung finden kann, dass mir Psychologen und Philosophen bestenfalls Impulse geben können und jedes noch so schöne Gedicht zu Liebe auch nur einen Vorgeschmack geben auf das, was Liebe ist. Es ist also der Weg übers Herz, der uns einen Zugang zu Liebe eröffnet. Ich meine dieses mehr gefühlte Zentrum unseres Seins, das sich aller Logik entzieht. Ich meine, man kann sich resonant für Liebe machen. Eine kopfgesteuerte Absicht ist meiner Erfahrung nach kontraproduktiv. Man läuft zielsicher an dem, was Liebe uns bietet, vorbei.

Die Liebe zeigt sich über den Weg ins Herz.

Wo fängt man also an – mit dem Annäherungsversuch? Sehen wir uns die verschiedenen Spielformen von Liebe an. Das mag wenig romantisch klingen, doch Liebe hat mit Romantik nur am Rande zu tun. Diese Annäherung über die Spielformen, über die Vielschichtigkeit und Vielfalt von Liebe hilft, sich ihrer bewusst zu werden – wenn man sie lässt. Damit will ich einen Impuls geben, das Herz zu öffnen und sich dieser Kraft bewusst zu sein.

Liebe ist ein vielfältiges und vielschichtiges Geschöpf.

Ich liebe die alten Denker – Denkerinnen gibt es nur einige wenige wie z.B. Sappho. Sie hat uns einiges zu ihrem Verständnis von Liebe überlassen. Also – zu den alten Denkern … vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass das Wesen von Liebe bislang nur in Scheinkategorien erfasst wurde. Ich spekuliere ein bisschen … Nun denn. Wo ich beginne – das ist reine Geschmackssache. Ich fange mit der Erotik an; scheint ja fast naheliegend. Irgendeinen Einstieg braucht es an, um die in die Gänge zu kommen. Und das wollen wir ja … also lassen Sie uns einen gemeinsamen Blick hinter die Kulissen von Liebe machen. Ich bin sicher, Sie entdecken das eine oder andere weniger Beachtete.

Éros, die so sinnliche Facette von Liebe, die sich im Begehren eines geliebten Objekts, im Wunsch geliebt zu werden und in der Passion für jemanden oder etwas ausdrückt, vor allem seelisch und auf den ganzen Menschen bezogen. Éros kann sich in der Anziehungskraft von Ideen manifestieren. Das mag man immer wieder vergessen – ach, wie stark können Ideen binden …? Fühlen Sie mal hinein … nein, nicht denken, fühlen. Es ist dieses Ziehen in der Herzgegend, das Pochen, das dann folgt … manches Mal ist es ein maliziöses Lächeln, ein Drehen und Wenden. So fängt es an …

Ganz anders die Philía, die Liebe zwischen Freunden, die sich eigenständig oder aus dem Éros heraus entwickeln kann. Sie drückt sich in einer Gegenseitigkeit aus, im Verstehen und Annehmen des anderen auf seelischer Ebene. Es ist ein Herzensgefühl des gegenseitigen Daseins. Es ist die innere Gewissheit des Gehaltenseins. Liebe zeigt sich in Verlässlichkeit, Vertrauen und in Loyalität, gleich wie der andere sich präsentiert. Würden Sie das als Liebe bezeichnen? Oder sind die Facetten nicht Teil Ihrer Vorstellung. Lösen Sie sich davon – und Sie werden überrascht sein, was sich dahinter verbirgt, hinter den alten Vor-Stellungen, die mehr verstellen und verstecken als sie enthüllen.

In der Agápe ist Liebe wohl die sonderbarste Form, weil sie sich selbstlos gibt und das Wohl des jeweils anderen im Auge hat. In dieser geistigen Form, die in der Erkenntnis ruht, findet man Liebe heute nur mehr selten. Bei Agápe denkt die eine und der andere vielleicht an das gemeinsam Essen und Trinken nach einer kirchlichen Feier. Seit einigen Jahren ist es schick, eine Agápe nach einer Hochzeitsfeier abzuhalten. Zusammensein, sich austauschen, miteinander Speis und Trank teilen – teilen – das ist der Schwerpunkt von Agápe. Es ist das Erleben von inniger Gemeinschaft als Form von Liebe.

In der Charis steht Liebe für das Erbarmen mit dem anderen, für die Achtung und Würdigung des Einzelnen, für Wohlwollen und Mitmenschlichkeit, für Fürsorge und Respekt, so wie Eltern dies gemeinhin tun. Vielen ist die Caritas bekannt – nicht für Sie, nicht für mich – für die da, die eben erst ankamen. Abgrenzen und ausgrenzen – das hat nur nichts mit Charis und Caritas zutun, auch wenn das Grenzen setzen wesentlich ist, um im Eigenen überleben und sein zu können. Mit Charis ist das also ein gar nicht so einfache „Sache“, die es ja nicht es, denn Mitmenschlichkeit hat nichts mit einer „Sache“ zu tun, sondern kommt aus dem tiefsten Inneren. Das ist jener Bereich, wo viele nicht so gerne hinblicken, geschweige denn hingehen. Damit bleibt ihnen ein wesentlicher Aspekt von Liebe verschlossen, was durchaus bedauerlich ist.

Liebe als Pietas, als Verehrung, Bewunderung, als das ungetrübte gegenseitige Einvernehmen klingt fast ein wenig mittelalterlich und erinnert sehr an die heute kaum mehr existente Minne. Die Form von Liebe ist uns in unserer dahinschwirrenden Zeit vollends verloren gegangen. Gehen Sie hinaus und fragen Sie wahllos jemanden auf der Straße, ob er bzw. sie damit etwa anfangen kann. Und – damit das geklärt ist – die Verehrung von Popstars und SportlerInnen fällt meiner Einschätzung nicht unter diese Kategorie. Es ist die stille Bewunderung für das Sein des anderen, die einen Geschmack von Pietas anbietet. Pietas … vielleicht einen zweiten Blick wert. Man muss es ja nicht übertreiben.

Sanctitas, die etwas altertümliche Form der heilenden und heiligenden Liebe, die Liebe der Unversehrtheit und Reinheit, der geistigen Wertschätzung – auch sie ist aus der Mode gekommen. Ohne mich zu wiederholen – schlag nach bei Pietas.

Eunoia, die Nächstenliebe, auch die ist uns schon ziemlich abhandengekommen in dieser Welt der Konkurrenz. Wo sind das Mitgefühl und die Verpflichtung zum Dienst am anderen? Sie sind uns mehrheitlich verloren gegangen? Das gilt auch für das Mitgefühl für uns selbst. In einer Leistungsgesellschaft ist das Leben der Nächstenliebe ebenso fordernd wie in Gesellschaften, die als flüssig bezeichnete werden, wo das Alte mehr und mehr erodiert und in sich zusammenfällt. Da ist man sich doch eher selbst die/der nächste.

Liebe ist viel mehr als wir gemeinhin annehmen. Manches davon ist in Vergessenheit geraten.

Betrachten wir dieses Wesen der Freiheit weiter. Storge, die Liebe der Kinder, die reine, unschuldige Liebe. Wir wünschen sie uns immer wieder, gleichwohl tun wir uns schwer, sie als Erwachsene zu geben. Zu viele Erfahrungen und zu große Erwartungen hindern uns daran. Zu viele Trennungen haben den Glauben an diese Form kleingemacht. Und – doch das Streben danach darf nie aufhören, weil es eine der reinsten Formen von Liebe ist.

Dann gibt es natürlich die Liebe der Eltern zu ihrem Kind. In dem Bereich wurde Liebe in den letzten Jahren viel diskutiert … und doch kaum erlösend und befreiend gesehen oder gar gelebt. Vielleicht auch, weil sich die Rolle der Eltern in den letzten Jahren verändert hat, auseinandergedriftet ist, verkannt und vermischt dargestellt wurde. Vielleicht auch, weil man die Elternliebe oft erst als solche erkennt, wenn man selbst Kinder hat und wenn man die eigene Endlichkeit begreift.

Ab und an ist Liebe auch sehr pragmatisch. Dafür gibt es keinen eigentlichen Namen, wenngleich es Liebe in dieser Spielform viel länger gibt als die romantische Liebe. Sie präsentiert sich als eine Investition in den anderen, als Nützlichkeit, um Einsamkeit zu vermeiden und die wirtschaftliche Grundlage zu sichern. Dann wird Liebe zur Sicherungsgemeinschaft, zur Absicherungsgemeinschaft, zur Gesellschaft für gegenseitige Bedürftigkeitsbefriedigung, zur Brauchgemeinschaft und zu einem Tauschgeschäft. Hat das dann noch etwas mit Liebe im tiefsten Sinn zu tun? Wohl kaum … und doch hast du in dieser Form viele Jahrhunderte überdauert. Vielleicht brechen gerade deshalb jetzt so viele Beziehungen aller Art auseinander, weil die Pragmatik nicht mehr wichtig ist. Vielleicht auch, weil die Eigenwahrnehmung sich verändert hat. Wo das Herz fehlt, da tut sich die Liebe sehr schwer, einzukehren und auch gerne zu bleiben.

Die Liebe ist wohl das Vielfältigste, Unergründlichste und gleichzeitig am meisten Angestrebte im menschlichen Sein. Sie ist einnehmend, befreiend, widersprüchlich.

Was tun wir nun mit dieser Vielfalt an Spielformen der Liebe? Erkenntnisse sind immer gut. Doch was ist die köstliche Nutzanwendung? Ist dies die falsche Frage, weil Liebe nie einen messbaren Nutzen bringt?

Ich halte es für hilfreich, die Spielformen im Urgrund unseres Seins als Kompass zu nehmen und uns emotional und empfindungsmäßig zu orientieren. Liebe ist vielfältig und lebt sich jeden Tag anders. Lassen wir doch diese Vielfalt zu. Mehr ist bei Liebe auch gar nicht erforderlich. Liebe will gelebt werden. Liebe will erfahren werden. Wahre Liebe ist ein Seinszustand, der alle Hindernisse überwindet. Liebe beginnt in uns selbst – nie irgendwo und bei irgendwem – nie IN UNS. Wenn wir das begreifen, dann sind wir einen ganz großen Schritt in Richtung Liebe weitergekommen. Dann erst kann sie sich in der Beziehung zu anderen entfalten. Sie braucht Freiheit und bedeutet zugleich Verpflichtung.

Und – Liebe als Urgrund unseres Seins kennt weder Anfang noch Ende.

Andrea Riemer, Buchautorin von „Botschaften vom Leben“

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