Das optimierte ICH

(Von Michaela Schubert)

Ständig wird uns von außen eingetrichtert, dass wir uns zu verbessern haben. Täglich müssen wir hart an uns arbeiten. Liebgewonnene Angewohnheiten haben die Pflicht, uns zu optimieren. Heute liegt die Reise mit leichtem Gepäck zur erfolgreichsten Version seiner selbst voll im Trend und das am besten in Lichtgeschwindigkeit.

Überall im Alltag begegnen wir diesem Optimierungszwang. Im Radio hören wir Tipps, wie wir uns ungeliebte Gewohnheiten in kürzester Zeit abtrainieren können. In Zeitschriften finden wir Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie der Winterspeck ganz schnell von der Hüfte purzelt. Schließlich steht der Frühling vor Tür. Der eignet sich wunderbar zum Fasten und Diäthalten. Unzählige Werbeanzeigen und -spots preisen uns mit gutem Gewissen ihre wundervollbringenden Produkte an. Selbstverständlich steht das noch gesündere Ich im Fokus.

Unser Ziel

  • Liebe in all seiner Schönheit
  • berufliche und private Anerkennung
  • Respekt von anderen
  • und natürlich ultimativer Erfolg

Wie besagt es bereits eine alte Volksweisheit: Wer schön sein will, muss leiden.

So mancher Wunsch

… ist, in kürzester Zeit das bestmöglichste Ergebnis zu erreichen. Und das bitte ohne schweißtreibenden Aufwand und ja keine Umstellung des gewohnten Lebensstils. Nein! Alles läuft bitte wie gewohnt weiter. Ans Ziel kommt man trotzdem ganz easy nebenbei. Nicht der Wunsch ist bedenklich, sondern vielmehr die allgegenwärtige Beteuerung, dass es wirklich in der Realität möglich ist.

Die Realität

… dagegen ist oft genau das Gegenteil von all dem, was wir uns sehnlichst wünschen. Dazu kommt ein bitterer Zwang, der uns entweder übers Ziel hinausschießen, oder nach ein paar Tagen kapitulieren lässt.

Wir alle lechzen nach Bestätigung. Wir wollen von unserem Umfeld geliebt und geachtet werden. Dafür zahlen einige einen hohen Preis. Muskulöse Vorbilder und grazile Schönheiten zeigen es uns anhand ihres Weges: „Du schaffst das auch – mit meiner Hilfe!“ Die Social Media Plattformen sind voll von solchen Beispielen.

Der Weg der anderen

Was ist richtig, wenn jeder etwas anderes rät? Wo ist für mich der einfachste Weg, wenn so viele eine gegensätzliche Richtung einschlagen? Zwar sagt der Verstand: „Das was du willst, kann nicht funktionieren!“ Aber die eigenen Bedürfnisse werden gern für den guten Zweck ignoriert.

Nach einer Weile… Der sehnlich erhoffte Erfolg bleibt schlimmstenfalls aus. Anfangs verläuft alles glorreich nach Plan. Bis einem die Individualität in die Quere kommt. Was bei dem einen Wunder wirkt, kann bei dem Nächsten komplett nach hinten losgehen. Was definitiv länger bleibt, sind scharfkantige Selbstvorwürfe. „Ich bin sogar zu doof, um abzunehmen!“

Kein Wunder, denn jeder nimmt nur das wahr, was er sehen möchte. Wir lassen uns gern von brillant anmutenden Illusionen blenden.

Kaum einer interessiert sich für die Komplexität, die im Verborgenen liegt

Warum auch, wenn die funkelnde Spitze des Eisberges so manchen den Weg der ultimativen Klarheit weist.

Die Macht der Ideale

Es scheint immer schwieriger zu werden, im Optimierungswahnsinn sein eigenes Ich zu lieben. Weniger anerkannt sind Menschen, die ihre Marotten nicht auflösen und durch effektivere Verhaltensweisen ersetzen wollen. Jede Ausrede wird akribisch analysiert, ob sich dahinter nicht doch eine Verzögerungstaktik für eine ungeliebte Aufgabe versteckt. Getreu dem Motto: Morgen, morgen – ja nicht heute, sagen alle faulen Leute.

Was gern unter den Teppich gekehrt wird, ist, dass ständiger Leistungs- und Optimierungsdruck unserer Gesundheit nachhaltig schaden kann.

Der Körperkult und die Macht realitätsfremder Ideale tun ihr Übriges dazu. Nicht selten öffnen sie Tür und Tor für so manche psychische Erkrankung, wie beispielsweise einer Essstörung.

Eine Magersucht verspricht einen rasanten Gewichtsverlust in nur wenigen Wochen. Ist sie einmal im vollen Gange, kann sie keiner mehr so leicht aufhalten. Das zuckersüße Ziel verspricht, sich geliebt und gesehen zu fühlen. Das bedeutet jedoch: Dünn, dünner, unsichtbar.

Die Ess-Brech-Sucht erlaubt Essen bis zum Umfallen, anstatt sich in Verzicht zu üben. In der geschützten Heimlichkeit darf nach Herzenslust gestopft werden. Nicht der Genuss bestimmt den Speiseplan, sondern der Kontrollverlust, der ein Rückgängigmachen der hastig verschlungenen Nahrung verlangt. Das verlockende Ziel verheißt Wertschätzung in den tollsten Farben. Das bedeutet allerdings strikte Disziplin, um den Schein der Perfektion nach außen zu wahren.

Bei der Essanfallstörung läuft es ähnlich ab, wie bei der Ess-Brech-Sucht. Mit dem Unterschied, die gierig verschlungenen hochkalorischen Lebensmittel verbleiben im Magen. Betroffene kämpfen tagtäglich u.a. mit Selbstvorwürfen, Ekel und Hass. Das betörende Ziel prophezeit, mithilfe unzähliger Diäten den messerscharfen Äußerungen des Umfeldes zu entgehen.

Das eine Leben

Jeder Mensch ist einzigartig. Auch lernen wir von- und miteinander, entwickeln uns weiter. Dazu gehört auch, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, bedeutet auch, sich in seiner persönlichen Vielfalt zu akzeptieren und zu lieben. Trotz voranschreitender Technologie, wir haben nur das eine Ich.

Vollkommen egal, ob wir uns den Erwartungen der anderen unterordnen oder nicht. Ein liebevoller Umgang mit unseren Stärken und Schwächen schadet uns nie.

Es ist vollkommen in Ordnung, mal eine Aufgabe auf morgen zu verschieben

Oder ein Stück Kuchen mit all seinen Sinnen zu genießen

Keiner muss tagtäglich über sich hinauswachsen

Wir sind Menschen mit dem Privileg der Empathie, keine Roboter.

Michaela Schubert, www.happy-kalorie.de, Autorin von „Essstörungen – Was ist das?

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