Besinnliche Weihnachtszeit – nicht für die Essstörung

Der Dezember gehört der Adventszeit, in der leckere Plätzchen gebacken und anschließend vernascht werden. Im Radio wird „Last Christmas“ hoch und runter gespielt. Unzählige Menschen versammeln sich gut gelaunt auf den Weihnachtsmärkten, um besinnliche Stunden zu verbringen. Während Fenster und Tannenbäume wunderschön geschmückt und hell erleuchten, wird es in den essgestörten Herzen immer dunkler. Kinderaugen strahlen. Alt und Jung gestalten bei Kerzenschein individuell ihre Wunschzettel. Überall sind Liebe, Harmonie und Vorfreude zu spüren.

Die essgestörten Augen dagegen sind leer. Kein Glanz, kein Schimmer, keine Vorfreude ist zu sehen, während die Vorbereitungen für das Fest der Liebe auf Hochtouren laufen. Wenn sich alle in der Adventszeit wohlfühlen, beginnt für die Betroffenen eine Zeit des Schmerzes, aber vor allem eine Zeit des Rückzuges.

Süßer die Glocken nie klingen – als zu der Weihnachtszeit (…)

Im Advent wird der Genuss groß geschrieben. Schokolade und Lebkuchen einfach mal so zwischendurch vernaschen? Für Magersüchtige ein Ding der Unmöglichkeit. Auch für Bulimiker und Binge Eater, denn ein einziger Griff in die verlockende Keksdose kann einen Essanfall nach den nächsten auslösen. Anstatt „O du fröhliche“, bohrt sich Ablehnung und der Selbsthass immer tiefer in ihre Herzen.

Je ausgelassener gesungen und je mehr sich gefreut wird, desto fanatischer quält die Essstörung ihre Opfer. Essstörungen feiern nicht. Essstörungen lassen keine Liebe zu. Essstörungen genießen auch nicht. Essstörungen zerfressen – wie ein Parasit – Leib und Seele. Mit der Zeit erlischt jegliches Glitzern. Feiertage, die einst fröhlich und bunt waren, sind im Bann einer Essstörung dunkler als eine mondlose Nacht. Jedes Lachen gleicht dem Geschrei hungriger Möwen – zu laut und wahnsinnig schmerzhaft, nicht nur für die Ohren.

Verrückt, dass man sich tot fühlen kann, obwohl das Herz noch schlägt.

Ich erlebte als Essgestörte viele Weihnachtsfeste. Schon der kleinste weihnachtliche Gedanke war für mich Horror. Ich fühlte mich einsamer und unverstandener denn je. In meiner Binge Eating-Phase stopfte ich bei Weihnachtsfesten alles in meinen Bauch, was nur irgendwie ging. Das Zusammensein war mir egal. Nur das (Fr)Essen stand für mich im Vordergrund. Die magersüchtigen Jahre waren für mich die schlimmsten. Ich wollte so gern ein Stück Stollen naschen, oder das Weihnachtsmenü genießen. Die Magersucht ließ es nicht zu. Ich hasste meine Unfähigkeit. Ich hasste meinen fetten Körper, der nur für mich sichtbar war. Ab dem Moment folgten Ausreden und tränenreiche Erklärungen, um mich von den traditionellen Fesseln lösen zu dürfen. Die Gemütlichkeit des Advents war für mich jedes Mal ein derber Schlag ins Gesicht.

Enorme Selbstzweifel und das massige Gefühl der Wertlosigkeit schnürten mir in den Jahren der Bulimie vor allem zu Weihnachten die Luft ab. Aus Angst vor Ablehnung ließ ich die Harmonie meines Umfeldes, die mein Herz jedes Mal in winzige Teile zerriss, über mich ergehen. Mit einem aufgesetzten Lächeln nahm ich anfangs an allen weihnachtlichen Aktivitäten teil. Wie ein unbedeutender Vulkan, brach ich unbemerkt still und leise aus.

Es ist unmöglich ein besinnliches Fest der Liebe zu feiern, wenn man gefühlsstaub ist.

Weihnachten ist ein Fest der Besinnlichkeit und des Friedens. Familien, Freunde und Kollegen rücken näher zusammen. Essgestörte Personen wollen das tief in ihrem Herzen auch. Sie wollen dazugehören, nicht im Abseits stehen. Sie wollen das ganze Drum und Dran genießen, doch die Essstörung verbieten ihnen das. Was bleibt ist der Rückzug und die Isolation, denn es ist zu schmerzhaft andere Lachen zu sehen, wenn man selbst nur ein Meer aus Tränen in sich trägt.

So facettenreich Essstörungen sind, so vielfältig sind auch essgestörte Weihnachten. Jeder Betroffene erlebt bzw. übersteht dieses Fest auf einer anderen Art. Ich persönlich habe fernab der Essstörung einen Weg gefunden, einerseits den Advent mit gutem Gewissen und nach meinem Geschmack zuzulassen und anderseits mich als Person – mit meinem Körper – anzunehmen.

Michaela Schubert, Autorin von „Essstörungen – Was ist das?

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